Ausstieg in Fahrtrichtung links!

Ausstieg in Fahrtrichtung links!

Schön wäre es, wenn man so einfach rauskommen würde, aussteigen könnte aus dem Zug des Leidens und der Zerstörung!

Wenn man einfach den Entschluss fassen könnte, die nächste Haltestelle zu nutzen, vielleicht sogar ohne genau zu wissen, ob das die optimale Haltestelle ist. Womöglich kennt man den Ort gar nicht und auch nicht die Bedingungen, die man dort vorfindet. Womöglich wird man nicht abgeholt und hat noch keine Ahnung, wo man die erste Nacht verbringt oder wie die folgenden Wochen aussehen…

Vielleicht hat man aber auch schon Vorkehrungen getroffen und sich eine ganz bestimmte Haltestelle ausgesucht. Gerade weil uns dort jemand abholen kann, vielleicht auch, weil wir dort schon wissen, wo und bei wem wir die erste Nacht verbringen können. Das wäre dann eine Reise ins „Bekannte“, „Vertraute“….nicht ganz so viel Mut abverlangend wie die Reise ins Ungewisse….

Woher sollen wir eigentlich wissen, welche die richtige, die ultimativ richtige Haltestelle ist?

Was, wenn wir zu früh aussteigen? Was, wenn wir in der Pampa landen? Im Zug fliegen die Bilder der Dörfer und Städte nur so vorbei und es scheint fast so, als könne jede Haltestelle die richtige, aber genauso gut auch die falsche sein. Wie kann man sicher sein, keinen Fehler zu machen. Wie kann man wissen, wann der richtige Zeitpunkt ist? Sicherheitshalber dann doch noch sitzen bleiben und abwarten. Wer weiß, was man draußen vorfindet. Hier im Abteil ist es auf jeden Fall zumindest warm und vertraut. Auch wenn man das Gefühl hat, fremdgesteuert durchs eigene Leben zu rasen. Keinen Einfluss auf Ziel und Geschwindigkeit nehmen zu können. Dieses Ausgeliefertsein hat ja auch was Gutes. Es ist zwar sehr begrenzt und so langsam sitzt man auch alleine im Abteil, weil die andere Fahrgäste im Laufe der Zeit und Strecke ausgestiegen sind, aber man hat immerhin ein Dach über dem Kopf. Und (scheinbar) kommt man ja auch irgendwie voran…

Möglich, dass die Einsamkeit, dass Alleinsein und die rasende Geschwindigkeit von stop und go irgendwann dazu führen, doch über einen Ausstieg nachzudenken. Irgendwie spürt man doch ab einem gewissen Punkt, dass das nicht das wahre Leben sein kann, dass man so nicht vom Fleck kommt, dass das Leben an einem vorbeirauscht. Am Ende dann, wenn man tatsächlich völlig alleine (gefühlt) in seinem Abteil sitzt, immer in Alarmbereitschaft und höchster Anspannung, wann der Zug mal wieder abrupt zum Stillstand kommt, kommt man vielleicht zu dem Schluss, dass ein Ausstieg wahrscheinlich die einzige Lösung ist, um aus diesem Zug der Einsamkeit, der Unterwerfung, der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins zu entkommen.

Leise die Sachen zusammengepackt, immer ausbalancierend, um sich beim nächsten Stopp nicht zu verletzen – immerhin wäre dann ein Ausstieg noch viel schwieriger, wenn das Bein gebrochen oder das Gehirn erschüttert wurde – also mit größtmöglicher Vorsicht die Sachen zusammengepackt, die Kinder an der Hand genommen, mit dem Taschentuch die Tränen weggewischt, so stehen wir, die Haltestange umklammernd vor der Türe in die Freiheit!

Ein paar Verletzungen machen uns das Warten schwer, das Gleichgewicht hat gelitten unter den Ausbrüchen, die er an uns ausagierte, wenn man nicht mehr weiß, wo oben und unten ist, dann kann einem schon mal schwindelig werden. Aber wir haben die Haltestange, an der wir uns mit aller Kraft festhalten. Wir sind gewappnet, es ist schließlich nicht unser erster Versuch. Jederzeit kann er das Tempo erhöhen, dann fallen wir nach hinten oder er stoppt abrupt, dann fallen wir nach vorne. Immer schön im Gleichgewicht bleiben, auch wenn die Kräfte schwinden und wir uns kaum mehr auf den Beinen halten können. Noch den Kindern Kraft geben und die eigenen Zukunftsängste verdrängen. In dieser mega-super-hohen Anspannung merken wir plötzlich, wie der Zug immer langsamer und langsamer wird. Kaum merklich verringert er die Fahrtgeschwindigkeit und kommt schließlich sanft zum Stehen.

Wir schauen uns um, sind wie paralysiert, was ist denn geschehen? Wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht darauf, dass der Zugführer plötzlich „normal“ geworden zu sein scheint. Irritiert schauen wir uns um und wissen nun gar nicht, wie wir auf diese Normalität reagieren sollen. Mit scheuem Blick und zitternden Knien, die Haltestange fest umklammernd entdecken wir den Narzissten, der mit einem freundlichen Lächeln auf uns zukommt und uns fast gespenstisch und in ruhigem Ton zurück auf unsere Sitzbank begleitet. Krass, was war denn nun passiert? Ein völlig neuer Mensch kam da den Gang entlang, wobei, so ganz neu war er eigentlich nicht, eher erinnerte er mich an den Mann, den er anfangs „gespielt“ hatte. Den Normalen, den galanten, charmanten, charismatischen, hilfsbereiten, ….der mich umgarnt, erobert, umworben und verstrickt hatte. Der mir den Hof machte, mich auf einen Sockel hob und mir die Füße küsste. Heute trat er mich mit diesen Füßen! Ins Gesicht, in den Bauch, in die Eingeweide oder einfach nur in den Hintern. Egal – Hauptsache weg von ihm. Denn Nähe konnte er nicht ertragen. Das war bedrohlich, verwirrend – für ihn – wo ich es doch so sehr brauchte. Diese Nähe, die er nicht haben konnte. Wie sollte das je gut werden….

An meiner eigenen Wahrnehmung zweifelnd sitze ich nun also wieder auf der Sitzbank meines Abteils und frage mich, wie ich so krank sein konnte, ihn als bedrohlich, gefährlich, als Räuber meiner Emotionen und als Dieb meiner Gelassenheit erleben konnte. Er war doch einer von uns – kein Gegner, sondern ein Unterstützer. Kein Täter, sondern ganz einfach ein normaler Mensch. Niemand, vor dem ich mich fürchten musste. Niemand, der meinen Untergang im Sinn hatte.

Meine Erregung lässt nach, mein Körper wird ruhiger, ich bin wieder sicher in meinem Abteil gelandet. Er sitzt neben mir, hält meine Hand und erklärt mir, dass ich doch wisse, wie sehr ich zu Übertreibungen neige. Dass doch schon meine Mutter gesagt habe, ich sei zu empfindlich, …ich tue also besser daran, anderen Leuten die Kontrolle über mein Leben zu überlassen. Es ist mir einfach nicht gegeben, Situationen zu beurteilen, es ist einfach so, dass er damit souveräner umgeht, besser Bescheid weiß, klüger agiert. Ich lasse mich doch zu sehr von Emotionen leiten und man sieht ja, wie weit mich das alles gebracht hat. In meinem Abteil sitzt kein Mensch mehr – kein Mensch mehr, außer mir. Bin ich noch ein Mensch? Ein normaler Mensch?

Der Puls geht runter, der Herzschlag beruhigt sich. Ich kauere mich langsam immer tiefer in meine Strickjacke, ziehe den Kopf ein, um weniger Angriffsfläche zu bieten. Woher der nächste Angriff kommen wird, weiß ich nicht. Woher auch. man kann es nie wissen, woher die Angriffe kommen. Auf jeden Fall bin ich geschützt, naja, einen 100-prozentigen Schutz gibt es natürlich nicht, aber so gut es geht – ja – so gut es geht, bin ich geschützt. Eingemummelt in meine große weiche Strickjacke, das Kinn auf die Hand gestützt, den Kopf an die kalte Fensterscheibe gelehnt. Bringt eigentlich Kälte auch die Gedanken zur Ruhe? Wäre das ein Weg, wie ich mich selbst beruhigen konnte. Einfach mit dem Gesicht an die Fensterscheibe lehnen und der Irrsinn im Kopf nimmt ab?

Ich weiß es nicht, aber im Moment jedenfalls fühlt es sich gut an. Nach dem hitzigen Ausstiegsversuch, der mir jetzt nur noch lächerlich vorkommt, und übertrieben, ja genau, übertrieben! Er wollte mir doch gar nichts tun, er fuhr doch ganz normal, sogar rücksichtsvoll, und schaute nach mir, immerhin kam er durch die ganzen Abteilungen gelaufen, um nach mir zu sehen. Und das, wo sich alle anderen schon aus meinem Leben verpisst hatten. Im Grunde ist er einfach ein Guter, man kann es nicht anders sagen, er ist ein Guter und ich scheine – zumindest ein bisschen – verrückt zu sein. Steh an der Tür mit zitternden Knien und flatternden Augenlidern, mit dem Gefühl, mich in Todesnähe zu befinden, dabei fährt mich mein Partner ohne schlechte Hintergedanken durch eine wunderschöne Landschaft.

Ich bin undankbar, das war ich schon immer. Zumindest hatte das meine Mutter gesagt. Ich hätte zu viel Fantasie, Und ich würde zu viel Chaos verursachen. Ein bisschen im Weg fühlte ich mich immer. So, als ob ich mir nicht sicher wäre, dass es eine gute Idee von Gott war (oder wer macht überhaupt die Kinder), mich hier auf diese Welt zu setzen. Gibt ess vielleicht noch andere Planeten, wo solche Leute wie ich besser hinpassen würden. Eine „Terra sensibilis“?

Nun ja, es ist doch nochmal gut ausgegangen. Er hat mich wieder zur Räson gebracht, eigentlich muss ich ihm dankbar sein. Wer weiß, in welches Chaos ich wieder gelaufen wäre, hätte er mich nicht rechtzeitig zurückgezogen. Und so sitze ich wieder in meinem Abteil, die Bilder der Dörfer und Städte fliegen vorbei. Meine Augen versuchen längst nicht mehr, diese zu erfassen, zu schnell, zu viele sind es. Und überhaupt, warum Gedanken machen über andere Schicksale, warum nachdenken über die Geschichten der Dorfbewohner oder anderer Opfer.

Sie saßen in anderen Häuser oder sie fuhren in anderen Zügen. Wir können einander nicht helfen. Schließlich bestimmen wir nicht die Geschwindigkeit und auch nicht das Ziel. So ist es am besten, wir richten uns ein im Zug für Opfer, im Zug für Ergebene. Warum das Risiko eingehen. Aus einem fahrenden Zug springen? Ohne Netz und doppelten Boden? Der schiere Wahnsinn.

Manchmal kommt mir der Gedanke, ein freundlicher Mensch könne einsteigen und mich abholen. An einem Bahnhof vielleicht oder wenn wir an einem Gleis einen entgegenkommenden Zug passieren lassen müssen. Dann schaue ich manchmal auf die Türe und wünsche mir, sie würde aufgehen und eine freundliche Frau käme zu mir, würde mir die Hand reichen und mir erzählen, wie es jenseits meines Abteils aussieht. Wie dort das Leben stattfindet und im Schildern ihrer angenehmen und freundlichen Bilder erhebe ich mich Zentimeter für Zentimeter von meinem Sitz, ich halte starr den Blick zu ihren Augen, denn ich weiß, wenn ich den Kontakt verliere, verliere ich meine Chance. Fast hypnotisiert lausche ich ihren Beschreibungen von einer Welt da draußen, wo es bunter zugeht, harmonischer, mit Menschen, die sich zugewandt sind, mit bunten Vögeln und spielenden Kindern auf der Straße.

Sie lässt mir Zeit, sie drängelt nicht, ich glaube fast, sie würde sogar bei mir bleiben bis zu einer nächsten Station. Sie gibt mich nicht auf, lässt mich nicht zurückfallen in die dunkle Welt des Schmerzes und der dunklen Gedanken. Sanft und ruhig spricht sie mit mir, nimmt mich an der Hand und begleitet mich aus dem Zug hinaus. Selbstverständlich, als wäre es das Normalste auf der Welt…durchschreite ich die Hürde des Ausstiegs, laufe ich von der einen Welt in die andere, Es ist unfassbar für mich, wie einfach es geht. Es ist unfassbar für mich, dass es so lange nicht ging. Es ist unfassbar für mich – denn ich bin FREI!

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