Scham – Das unterschätzte Gefühl

Scham – Das unterschätzte Gefühl

„Du solltest dich was schämen“…..“Das treibt mir die Schames-Röte ins Gesicht!“…“Schämst du dich nicht!“….“Ich schäme mich in Grund und Boden!“…..“Dass du dich nicht schämst…..!

 

“ Wir alle kennen solche oder ähnliche Sätze. Haben sie schon selber benutzt oder auch selbst zu hören bekommen. Von unseren Eltern, Großeltern, Lehrern, Nachbarn…..von sogenannten Erziehungsberechtigten! Also von Personen, die über unser Verhalten, ja sogar über unser ICH geurteilt haben, die uns unseren Wert beimessen wollten, die uns erhöht oder erniedrigt haben.

 

Wir waren klein, wir waren angewiesen auf das Echo von außen, auf die Resonanz, die Spiegelung, das feedback. Als Kinder brauchten wir das Gegenüber zur Anleitung und auch zur Korrektur. Im besten Falle waren unsere Leitfiguren wohlwollend und emphatisch, führten uns durch ihr eigenes Beispiel, durch einfühlsames Zureden, überforderten uns nicht und ließen uns als Mensch aufrecht sein – und waren wir noch so klein. Diese Art der „Erziehung“ wäre respektvoll und lässt dem Kind seine Würde. Ein Fehler, den das Kind macht, ist ein Fehler im Verhalten und kein Fehler seiner Person als Ganzes. „Ich habe etwas falsch gemacht“ versus „Ich bin falsch“!

 

Leider waren gerade in den 60ern die Erziehungsmethoden nicht darauf ausgelegt, ein Kind respektvoll zu behandeln. Es standen eher Disziplin und Gehorsam im Vordergrund. Auch das Gefälle von Eltern und Kindern wurde streng eingehalten. „Wenn Eltern reden, haben die Kinder den Mund zu halten!“ oder. „Der Lehrer verdient unbedingten Gehorsam von den Schülern.“ Dieser Umgang hat vielen Kindern, vor allem den sensiblen, das Genick gebrochen. Sie haben zwar dem äußeren Eindruck nach diese Schikanen überlebt, jedoch im Inneren, am Selbstwert, in der Selbstliebe ist etwas zerbrochen. diese Kinder haben schon früh verinnerlicht: „Ich bin falsch, ich bin nicht gut, ich kann nichts richtig machen, ich muss mich mehr anstrengen, andere sind besser als ich, ich sorge immer für Ärger, an mir kann man keine Freude haben, ich bin eine Schande!“

 

Unschwer ist es, sich auszumalen, wie solche Kinder als Erwachsene empfinden. Wie sie sich mit diesem inneren Selbstbild als Mann und Frau verhalten! Und zu welch dramatischen Konsequenzen es durch diese tief empfundenen Selbstzweifel kommen kann. Mit gesenktem Blick, mit eingezogenem Kopf gehen sie durch die Welt, in der Hoffnung, nicht aufzufallen, nicht noch mehr Schaden anzurichten, nicht noch mehr ausgeschimpft, bloßgestellt und beschämt zu werden. Die Folgen sind häufig Nackenschmerzen, Rückenschmerzen, Fehlhaltungen, selbst depressive Verstimmungen werden durch häufiges Kopf-hängen-lassen begünstigt (dem Gehirn wird signalisiert, dass es eine traurige Situation ist – ein Depressiver geht nicht pfeifend und mit erhobenem Haupt durch die Straßen….).

 

Schuld und Scham liegen dich beieinander. Wer sich schämt, fühlt sich schuldig und umgekehrt! Und obwohl wir alle dieses Gefühl kennen, obwohl wir damit groß geworden sind und uns im Laufe unseres Lebens immer wieder damit auseinandersetzen mussten, wird kaum darüber gesprochen. Ist Scham ein Tabuthema? Wann hast du zum letzten Mal zu jemandem gesagt: „Ich schäme mich?“ Wir können heutzutage viele Emotionen offen ansprechen. Es ist kein Makel mehr, heute einen burn-out zu haben, sogar Depressionen und Angststörungen sind fast schon salonfähig….Jedoch Schuld und Scham? Diese Gefühle haben sich noch nicht in der Gesellschaft etabliert. Interessant ist auch, dass diese Gefühle extrem viel mit uns machen. Spüre doch einmal in dich hinein, wie es dir geht bei dem Wort SCHAM! Wie geht dein Körper in Resonanz mit diesem Wort. Was geschieht in dir, wenn du dieses Wort auf dich wirken lässt?

 

Scham und Schuld, diese beiden Begriffe versuchen wir, verbal zu vermeiden und diese beiden Gefühle versuchen wir massiv, nicht fühlen zu müssen. Wo kommt das eigentlich her? Warum wehren wir uns so sehr dagegen? Nun, wenn es z. B um das Gefühl der Angst geht, dann sagen
wir: „Ich habe Angst“ – wir sagen nicht: „Ich bin die Angst“! Das ist für uns Menschen ein massiver Unterschied! Vielleicht magst du auch mal bei dir selber darauf achten, wie ausgeprägt die Gefühle Scham und Schuld bei dir sind. Vielleicht fallen dir Sätze aus der Kindheit ein, die für diese Gefühle stehen. „Mit dir muss man sich ja schämen!“ oder „Du bist schuld, wenn“…..“ oder „Du bist schuld, dass…..“! Wie soll ein Kind einen gesunden Selbstwert entwickeln, wenn es schon früh Verantwortung für Gefühle von Erwachsenen übernehmen muss, für die es gar nicht zuständig sein kann!! Wurdest du auch mit dem Nachbarskind verglichen, das viel braver war als du? Oder mit dem Klassenkameraden, der viel bessere Noten geschrieben hat? Oder hübscher war? Oder anständiger, fleißiger, lieber, höflicher, ehrgeiziger, erfolgreicher, schöner, ….. der seiner Mutter mehr Freude bereitet hat, der seinen Vater stolzer gemacht hat….seine Eltern glücklicher?

 

All diese Entwertungen umfassen unser ganzes Ich, Zerstören uns im Innersten, sodass wir uns am Ende vor uns selbst verleugnen müssen. Wir sind definitiv nicht richtig, so wie wir sind, also versuchen wir, anderen Menschen nachzueifern, bzw. unseren engen Bezugspersonen zu gefallen. Ich bin also nicht so, wie ich eigentlich bin, sondern ich orientiere mich ständig im Außen und versuche zu eruieren, wie mein Gegenüber mich haben will. Wir können uns alle leicht ausmalen, wie fatal sich ein solch fragiles Selbstwertgefühl in einer Partnerschaft auswirkt. Wir haben kein Stehvermögen, kein Rückgrat…..weil man es uns früh genommen oder gebrochen hat!

 

Lass uns aufstehen, lass uns in die Heilung gehen, denn das muss nicht so bleiben! Wir können durch die Prozesse der Bewusstmachung, des Verstehens der eigenen Anteile nachreifen, quasi selbst „nach-beeltern“, um in unsere Kraft zu kommen und authentisch leben zu können. Hör auf, im Außen zu suchen. Du sollst dort weder Bewunderung noch Entwertung finden, denn das macht dich immer abhängig. Lass uns nach innen schauen, auf uns selbst, und uns dort wieder auf- und ausrichten, dann ziehen wir auch Partner an, die uns so lieben, wie wir sind. Alles Andere wird auf die Dauer viel zu anstrengend. Unsere Bewältigungsstrategien, unsere Abwehrmechanismen brechen irgendwann zusammen – bevorzugt im 4.- 5ten Lebensjahrzehnt. Dann kommen wir an unsere Grenzen und entweder unser Körper oder unsere Psyche zwingen uns zum aktiven Umgang und zur aktiven Auseinandersetzung mit dem Thema!

 

Es gibt nichts zu schämen! Packen wir`s an! Wir hatten es vielleicht nicht leicht, aber das heißt nicht, dass wir es auch in Zukunft nicht leicht haben können! Wir übernehmen jetzt die Verantwortung für unser Fühlen und Handeln! Niemand sonst! Und die alten Glaubenssätze, die Muster der Vergangenheit, die lassen wir nicht weiter unreflektiert in uns wirken, sondern wir merzen sie aus, wir überprüfen sie auf Glaubwürdigkeit und auch daraufhin, ob sie für uns hilfreich sind. Unsere Eltern haben sie in uns eingepflanzt und dabei womöglich eine gute Absicht damit verfolgt. Das heißt aber nicht, dass sie damit erfolgreich waren. Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht! Ausstieg jetzt! Werte überprüfen, Schamgefühle ablegen, neu aufleben und durchstarten!

 

Scham blockiert! Scham macht schwach! Scham lähmt und raubt Energie! Scham macht unfrei und abhängig!

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